Noch 50 Tage bis zu den Olympischen Spielen

Wir hatten die Gelegenheit mit Tom Zajac ein ausführliches Interview zu führen. Peter Czajka sprach mit unserem Ehrenmitglied über seine Olympiavorbereitung, aber auch seine neue private Situation.

BYC:
Hallo Tom. Was ist das Besondere bei diesen Spielen?

Tom:
Olympische Spiele sind immer etwas Spezielles. Es ist das wichtigste Event für uns Segler. Nicht vergleichbar mit Weltmeisterschaften oder Weltcupregatten. Natürlich ist es wichtig und auch das Ziel, bei einer Weltmeisterschaft gut abzuschneiden, aber Olympia hat halt sein eigenes Flair. Leider finden die Spiele diesmal ohne Zuschauer statt. Das trifft uns nicht so hart wie viele andere Sportarten, ist aber trotzdem sehr schade. Ich habe schon eine Eröffnung mit begeisterten Zuschauern genießen dürfen, Barbara wird bei ihrer Olympiapremiere – wenn überhaupt – leider nur eine sehr abgespeckte Version erleben.  

BYC:
Die Segler werden alle 4 Jahre aus dem Medienschatten geholt und sind plötzlich wichtig, nach den Spielen verschwinden Sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie gehst du damit um?

Tom:
Die geographischen Rahmenbedingungen für den Segelsport sind in Österreich nicht ideal. Uns fehlt das Meer, wir sind für die heimische Öffentlichkeit schwer greifbar, ein nachhaltiges Interesse am Segelsport ist damit sehr schwer zu befeuern. Dennoch ist Segeln eine der erfolgreichsten Sommersportarten in Österreich. Dieser Erfolg ist auf die traditionell gute Arbeit des Verbands zurück zu führen und hilft uns öffentliche Förderungen zu erhalten.

Wir brauchen diese Förderungen und Sponsoren, um unseren Sport professionell ausüben zu können. Sponsoren entscheiden heute nach der Anzahl von Clicks, Fernsehberichten und Zeitungsartikel. Mäzene gibt es nur mehr sehr selten. Umso dankbar sind wir mit Candidate Sailing einen starken Partner zu haben, der sein Engagement langfristig anlegt und österreichische Top Teams unterstützt.

BYC:
Hat sich deine Lebenssituation nach Rio 2016 geändert. Bist du seit deiner Bronzemedaille finanziell abgesichert?

Tom:
Ich bin nach wie vor beim Bundesheer im Heeressportzentrum angestellt und sehr dankbar dafür. Zudem investiere ich alles was ich an Unterstützung bekomme in meinen Sport. Wir haben tolle weitere Partner, wie Candidate Sailing, Redbull, Sporthilfe, Sportpool Burgenland und Kooperationen mit BMW Frey, Robline, Murphysail, Allroundmarin, Polar und Sailmoon über die wir Material beziehen. Über den Segelverband, Burgenland und auch dem BYC können wir Förderung einreichen. Das ist und klingt erstmal nach sehr guter Unterstützung. Bekannt ist aber auch, dass unser Sport sehr teuer ist und wir müssen uns sehr genau unsere Investitionen überlegen und das Budget ganz genau einteilen. Nur so können wir mit den klassischen Segelnationen wie Neusseland, Australien, England, Spanien, Frankreich und viele anderen mithalten oder diese sogar schlagen..

BYC:
Du hast dich nach den Spielen von Segelpartnerin Tanja Frank getrennt, die eine eigene Olympiakampagne als Steuerfrau startete und sich auch erfolgreich für Japan qualifiziert hat. Damals waren viele überrascht, dass du eine sehr junge Seglerin direkt aus dem Nachwuchssport zu dir ins Boot geholt hast. Dieser überraschende Schritt hat ja gut funktioniert. Ihr habt euch bei der ersten Gelegenheit für die Spiele in Japan qualifiziert. Was waren deine Gründe dafür und würdest du diese Entscheidung wieder so treffen?

Tom:
Das Alter hat bei der Selektion nicht die wichtigste Rolle gespielt. Barbaras großes Plus ist ihre Willenskraft und ihr Arbeitseifer. Man sieht und spürt, dass sie ihre Träume beinhart verfolgt, sie war die beste Option und ich würde heute genauso so entscheiden, wie damals. Es macht mir aber auch Spaß mit jungen, motivierten Menschen zu arbeiten und ihre Entwicklung mitformen zu dürfen. Wenn man dann auch noch den Prozess einer steilen Entwicklungskurve beobachtet, ist das doppelt erfreulich.

BYC:
Doch zurück zur Olympiavorbereitung. Wie hat sich der Corona-Lockdown auf deine Vorbereitung ausgewirkt:

Tom:
Zuerst zum Positiven: Wir hatten schon seit Sommer 2020 die Möglichkeit unsere Trainingseinheiten im Ausland mit unseren Trainingspartnern durchzuziehen, da die Beschränkungen für den Spitzensport frühzeitig aufgehoben wurden. Wir konnten nahezu durchgängig trainieren und waren in Zadar, Punta Ala, Sardinien und Sizilien.

Allerdings hatten wir seit Februar 2020 keine Regatta mit internationaler Spitzenbeteiligung. Da fehlt die Standortbestimmung. Zum Glück haben wir eine starke Trainingsgruppe mit den weltbesten Katamaran-Seglern.

BYC:
Apropos Trainingsgruppe. Ihr trainiert gemeinsam mit den Engländern und den Italienern und dem argentinischen Olympiasieger von Rio, Santiago Lange. Das gibt es nach meinem Wissen in keiner anderen Sportart, dass die Hauptkonkurrenten miteinander trainieren. Wie funktioniert das?

Tom:
Das funktioniert überraschend gut. Für unser Team ist es sehr wichtig mit starken Partnern zu kooperieren, da man sich nur mit den Besten der Besten verbessern kann. Die Italiener haben zwei nahezu gleichwertige Teams. Da ist es wesentlich einfacher das Material zu optimieren und die Technik zu verbessern, als wenn es im Land nur ein Spitzenteam gibt. Wir haben zwar auch zwei österreichische Nachwuchsteams dabei, aber die stehen noch am Beginn ihrer Karriere (Anmerkung der Redaktion: Lukas Haberl/Lisa Farthofer und Laura Farese/Matthäus Zöchling). Auch die Engländer haben noch ein Nachwuchsteam dabei. Das hilft uns bei den Wettfahrtsimulationen realistische Bedingungen wie bei einem Medalrace zu schaffen. Natürlich hat jede Nation sein eigenes Trainer- und Betreuerteam und arbeitet unabhängig von der Konkurrenz an Technik und Materialabstimmung. Unser Haupttrainer ist nach wie vor Angelo Glisoni, mit dem wir auch schon in Rio erfolgreich waren und der sich voll auf uns konzentrieren kann, denn die Nachwuchsteams haben eine getrennte Betreuung. Hinzugekommen ist auch Roman Hagara, von dessen riesiger Erfahrung wir viel profitieren.

BYC:
Warum habt ihr euer Trainingsrevier von Sardinien nach Marina Di Ragusa in Sizilien verlegt?

Tom:
Wir mussten versuchen ein Trainingsrevier zu finden, das ähnliche Bedingungen bietet wie Enoshima (Olympiarevier). In Cagliari (Sardinien) hatten wir bei den letzten Trainingsaufenthalten immer öfters Flachwasser. Deshalb haben wir uns mit den anderen Topnationen für Marina di Ragusa in Sizilien entschieden. Die Bedingungen sind dort ähnlicher zu den Bedingungen wie wir sie in Japan erwarten. Das ist umso wichtiger, weil wir ja das letzte Mal 2019 im Olympiarevier waren und seitdem auf Grund Corona nicht mehr in Japan trainieren konnten.

BYC:
Wie schaut die Standortbestimmung aus. Wie siehst du euer Team im Vergleich zu den Teams eurer Trainingsgruppe?

Tom:
Das ist sehr schwierig zu beantworten. Wir haben unser 1er und 2er Material schon im Jänner bzw. im Februar nach Japan verschickt, da wir ursprünglich den Plan hatten im Mai noch einmal vor Ort in Enoshima zu trainieren. Allerdings ohne Foils und Segel. Wir wissen nicht welches Material die anderen Nationen bei den Trainingswettfahrten verwenden. Deshalb ist eine finale Aussage wie wir technisch stehen nur sehr schwer möglich. Wir haben uns so gut es ging vorbereitet, aber erst bei den Spielen wird man sehen, wer seine Hausaufgaben am besten gelöst hat.

BYC:
Bei dir gibt es ja auch privat eine große Veränderung?

Tom:
Ja, ich habe seit 3. Mai eine Tochter. Zum Glück war es mir möglich unser Training für eine Woche zu unterbrechen, um bei der Geburt dabei sein zu können. Anna und ich sind sehr glücklich mit Liora. Leider habe ich im Moment sehr wenig Zeit für sie. Aber Liora und Anna kommen zum letzten Trainingsblock Anfang Juni mit. Ich freue mich darauf dort neben dem finalen Olympia-Schliff auch ein wenig Zeit mit meiner kleinen Familie verbringen zu können.

BYC:
Wie geht es jetzt weiter?

Tom:
Wie gesagt in ein paar Tagen geht’s noch einmal bis Anfang Juli nach Sizilien. Am 7. und 8. Juli ist dann die Olympia-Einkleidung und Verabschiedung in Wien, am 9. Juli fliegen wir nach Tokio. Wir dürfen zwar erst ab 15. Juli auf’s Wasser, aber wir brauchen den zeitlichen Vorlauf zwingend, um uns an das Klima in Japan anzupassen. Es ist um diese Jahreszeit brütend heiß, hat eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit. Außerdem müssen wir auch noch die Container auspacken und unser Equipment vorbereiten. Am 28. Juli ist dann unser erster Wettkampftag.

BYC:
Leider geht sich bei diesem engen Zeitplan keine Verabschiedung im BYC mehr aus. Wir wünschen euch jedenfalls alles Gute für das letzte Training und die Wettkämpfe. Wir werden vor dem Internet und Fernseher mitfiebern und Daumen halten. Danke, dass du dir für dieses Interview Zeit genommen hast.

Tom:
Danke für das Interesse und sehr gerne! Liebe Grüße an alle Mitglieder und Freunde des BYC. Ich hoffe wir sehen uns dann im Herbst in Rust.

 

Fotos copyright:
Wasser: OeSV / Stoerkle
Land: Candidate Sailing / Matesa